Ja, ich bin in erster Linie ein Mensch. In zweiter Linie aber war ich ein Hippie. Einer, der immer Humor hatte, oft einen schrägen Humor. Meine Tochter kann es bezeugen.

Wenn ich dann eine Reise durch die Radio-Onkologie beschreibe, dann kommt das im Nachhinein einfach sehr dramatisch rüber, oft zu dramatisch. Ich bin aber keine Drama-Queen. Krebs geschrieben kommt wie Tod rüber. Erzählte ich davon in meiner eigenen Sprache und in meiner eigenen Sprachmelodie und dem Aufheller meiner positiven Stimmung, dann kämen wir der Wahrheit etwas näher.

Letzten Donnerstag wurde ich nach der Bestrahlung komplett geschafft im Rollstuhl durch gefühlte kilometerlange Gänge im Spitaluntergrund ins Zimmer zurücktransportiert. Zum ersten Mal schwitzte ich im Tomograph, obwohl der sehr kräftig runtergekühlt wird, den ganze Raum in einen kalten Luftzug versetzt. Deshalb werden die unbestrahlten Körperstellen mit vorgewärmten Tüchern bedeckt. Als ich in den Tomograph eingeschoben wurde, merkte ich, dass “es“etwas anders ist als sonst. Als ob sich aufkeimende Panik bemerkbar machen wollte, als ob ein Damm der Emotion brechen könnte. Wohl einerseits wegen der Chemo, andererseits hinterlassen fünf Wochen Bestrahlung einfach “Wunden“, nicht nur äusserlich, auch innerlich. Der Körper wird ständig geärgert, geplagt, maltraitiert und geschunden. Heilung durch Folter?

Am Tag danach, am Freitagmorgen erwachte ich früh und ein Gedankenimpuls explodierte in mir:

THE BOYS IN THE BACK müssen her!

Genial! Ich hatte ja noch meine Reserve zur Unterstützung meiner angeschlagenen Vitalität. “The Boys in the back“ in ihren “Shitkickers“ (Schlangenlederschuhe, nach Vorne zugespitzt, um den getrockenten Dung in der Prairie wegzukicken). “The Boys in the back“, die interstellaren Cowboys, meine Zen-Body-Guards. “The Boys in the back“ begleiten mich heute zum Tomographen. High-Tech-Med versus Henderland-Voodoo once again.

Und so war es denn auch.

Ich wurde präpariert, in die Röhre geschoben. Dann en position: Je 10 Cowboys mit Stetson auf dem Kopf stehend in einer Reihe links und rechts. Als ich anfing zu singen hängten sie sich ein und wippten feierlich mit. Als ich mein Mantram betete zogen sie die Hüte und standen feierlich mit den Händen gekreuzt, Schritt den Hut dazwischen, wie in der Kirche. Beim zweiten Durchgang vom Lied wippten und schaukelten sie wie zu beginn, ja, schon beinahe etwas ekstatisch und ich musste mich zusammennehmen, dass sich mein Ausdruck im Körper, mein Tappen des Taktes mit den Füssen nicht subversiv bemerkbar machte. Der Innenraum des Tomographen wird mit Mikro und Kamera...begleitet, nicht überwacht.

Nix schwitzen!

Nix Panik!

Wieder in der alten Kraft!

De henderländisch Gsondsinger.

«The Boys in the back»
 
Steff Signer,
2019