LICHT
No. 53 | 2026/1Das «Obacht Kultur» N° 53, 2026/1 pendelt zwischen Hell und Dunkel.
Auftritt: Reinhard Tobler;
Bildbogen: Nora Rekade, Martin Benz;
Texte: Dominik Tschirky, Iris Keller, Matthias Bürcher u.v.m.
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Gedächtnis
Die Nacht im neuen Licht
von Lucia Genova
Lange Zeit galt die Nacht nicht nur als unheimlich, sondern auch als gefährlich. Wer ohne Licht durch die Gassen ging, geriet schnell unter Verdacht. In Appenzell Innerrhoden wurden Vergehen, die im Schutz der Dunkelheit begangen wurden, strenger bestraft. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein gab es im Dorf Appenzell nur eine einzige öffentliche Laterne, die zwischen Rathaus und Gasthaus Krone hing, am Standort der heutigen Gass 17. Für ihren Unterhalt sorgte die Feuerschaugemeinde, eine lokale Behörde, die über Brandschutz und Ordnung wachte – und auch den Nachtwächter stellte. Dieser rief stündlich an 29 Orten den Wächterruf aus und kündigte gegen drei Uhr morgens den Tagesanbruch an. Mit der Einführung der Petroleumbeleuchtung in den 1850er-Jahren kamen weitere Lampen in die Gassen. Um 1900 erhellten rund vierzig dieser Lichtquellen das Dorf. Der eigentliche Wandel kam jedoch mit dem elektrischen Licht – und mit ihm zunächst auch viel Skepsis. Konservative Kreise sahen darin einen Eingriff in die von Gott gegebene nächtliche Dunkelheit. Unterstützung kam hingegen vom Tourismus. Wer Appenzell als Kurort erhalten wolle, müsse moderne Beleuchtung einführen, argumentierte der damalige Innerrhoder Kurdirektor Dr. Emil Hildebrand. Mehrere Projekte für ein Elektrizitätswerk an der Sitter, am Kaubach oder beim Seealpsee standen zur Diskussion. Schliesslich setzte sich das Projekt am Seealpsee durch. Im Frühjahr 1905 begannen die Arbeiten. Über zweihundert Arbeitskräfte verlegten die Druckleitung in nur zehn Wochen, sodass die Anlage bereits im August desselben Jahres den Betrieb aufnehmen konnte. Die Begeisterung war gross. Das «Innerrhoder Fremdenblatt» berichtete euphorisch, das Dorf werde durch elektrische Lampen in grosser Zahl und reicher Abwechslung illuminiert: «Appenzell wird grossstädtisch.» Auch in der Pfarrkirche St. Mauritius hielt das neue Licht Einzug. Der ursprünglich für Kerzen vorgesehene Leuchter wurde kurzerhand elektrifiziert. Der Appenzeller Kronleuchter aus dem Jahr 1905 gehört damit zu den frühesten elektrisch betriebenen Leuchtern in einer Schweizer Kirche. Die Zahl der öffentlichen Lampen in den Dorfstrassen von Appenzell stieg rasch: von 71 Strassenlampen im Jahr 1905 auf 121 im Jahr 1945. In den Häusern setzte sich das teure elektrische Licht dagegen später durch. Vielerorts brannten noch bis weit ins 20. Jahrhundert Petroleumlampen. Wer Strom im eigenen Haushalt nutzen wollte, musste dafür bei der Feuerschaukommission ein Gesuch einreichen. Im Zuge der Industrialisierung verlagerte sich die Arbeit immer häufiger in die Abend- und Nachtstunden. Das Schweizer Fabrikgesetz von 1877 regelte die Nachtarbeit, um die Arbeiterinnen und Arbeiter zu schützen. Für die Heimarbeit griff das Gesetz jedoch nicht. So arbeiteten viele Stickerinnen in Appenzell Innerrhoden zuhause bis in die späten Nachtstunden – besonders, wenn «Pressantware» drängte. Auch heute wird nachts gearbeitet. In der Nacht werden Kranke gepflegt, Strassen geräumt. Die Polizei schläft nie, Wirte schliessen erst, wenn der letzte Gast gegangen ist, und im Morgengrauen werden Brote gebacken. Viele dieser Tätigkeiten bleiben unsichtbar. Sie beginnen, wenn der grösste Teil der Gesellschaft schläft. Die Fotoserie «Nachtschicht im Scheinwerferlicht » der Innerrhoder Künstlerin und Fotografin Luzia Broger macht diese verborgene Welt sichtbar. In ihren Porträts stehen Menschen im künstlichen Licht und halten einen Moment inne. In der Hand tragen sie ein Objekt aus ihrem nächtlichen Arbeitsalltag. Über ihnen Neonlicht, Sterne oder ein Mottenschwarm – und die besondere Ruhe der Nacht. Der Arbeitsalltag jenseits des Tageslichts wirkt nicht hektisch, sondern beinahe still, geheimnisvoll und entrückt. Wenn andere übernächtigt vom Ausgang heimkehren, geht ihre «Schicht» zu Ende.
Lucia Genova, geboren 1978, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Museum Appenzell. Der Beitrag ist im Zusammenhang mit der Ausstellung «Nachts. Von Schlafzimmern, Sternen und Laternen» entstanden, die bis zum 25. Mai 2026 im Museum Appenzell zu sehen war.
