LICHT
No. 53 | 2026/1Das «Obacht Kultur» N° 53, 2026/1 pendelt zwischen Hell und Dunkel.
Auftritt: Reinhard Tobler;
Bildbogen: Nora Rekade, Martin Benz;
Texte: Dominik Tschirky, Iris Keller, Matthias Bürcher u.v.m.
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Frischluft
Der siebte Tag
von Iris Keller
Die Sonntage muss sie aushalten. Die Rollläden sind heruntergelassen. Nur ein kleiner Schlitz ist offen. Sie sitzt in ihrem Sessel. Dämmert immer wieder ein. Sechs Tage rennen, Bierkrüge schleppen, Liter zuckriger Limos, Braten in schwappender brauner Sosse, Gäste, die die Lautstärke übertönen, schreiende Kinder, schmatzende Mäuler. Grinsen, grüssen, feixen, Ketchup schmierende Hände, aufwischen, schrubben. Bestellungen aus dem Kopf, der Kopf ist voll mit Schnaps und Fritten und Fettaugen, einkassieren, rausgeben. Sie weiss, dass sie gut ist. Besser als die Neuen, die jungen Leute. Nur sie hat den Laden im Griff. Das anerkennende Nicken vom Chef. Das genügt. Aber den siebten Tag muss sie ruhen. Stille, Dämmerung, aushalten. Neben ihr liegen zwei Päckchen Zigaretten. Das sind die Sonntagszigaretten. Die hat sie sich verdient. Gegen elf Uhr steht die Sonne so hoch, dass ein Lichtstrahl durch die Ritze des Rollladens fällt. Der Lichtschein gräbt sich durch den Nebel des Zigarettenrauchs, bringt Bewegung in den Raum. Sie bläst den Rauch in das Nebelmeer, elfenhafte Formen entstehen und vergehen. Die da oben trampeln wieder. Sie dürfen nicht am Sonntag trampeln. Hin und her rennen sie, seit sie eingezogen sind. Von einem Zimmer ins nächste. Sie zählt mit. Es ergibt keinen Sinn. Sie findet keinen Grund, so oft am Sonntag den Raum zu wechseln. Sie schreien dabei, ständig schreien sie. Ständig fällt etwas zu Boden, auf ihren Kopf, sie lassen Dinge auf ihren Kopf fallen. Am Sonntag muss sie ruhen. Sie verlangt nicht zu viel. Nicht mehr lange. Sie lächelt zufrieden. Sie hat alle Verstösse gegen die Hausordnung gesammelt, protokolliert, gemeldet. Es war viel Arbeit. Jetzt ist das Kündigungsschreiben unterwegs. Bald wird wieder Ruhe sein! Es läutet. Sie hält die Luft an, behält den Rauch im Mund. Warum läutet es? An ihrem Sonntag an ihrer Wohnung. Sie hört nichts ausser dem Trampeln von oben. Es läutet wieder. Sie schiebt sich aus dem Sessel, schlurft mit ihren Pantoffeln zur Tür und öffnet einen Spalt. Sie muss die Augen zukneifen, so viel Licht kommt ihr entgegen. Sie sieht nichts. «Mein Ball», kommt eine Stimme von weit unten. Sie dreht ihren Kopf nach unten. Das Kind steht da. Geht ihr gerade bis zum Bauch. Grosse Augen, lange Wimpern, dicke Backe, volle Lippen. Sie hat es noch nie aus der Nähe gesehen, nur durch den Türspion kennt sie es. «Mein Ball», sagt das Kind. Es schiebt sich an ihr vorbei. Das Licht flutet die Wohnung, das Haar des Kindes leuchtet golden, strahlt. Der Rauch bildet einen Schein um seinen Kopf. Das Kind verschwindet Richtung Küche, sie hört das Quietschen der Balkon-Tür. Sie steht immer noch an der Eingangstür, alles dreht sich. «Fang», ruft das Kind, das auf einmal wieder im gleissenden Licht steht. Ihre Hände klappen zu und haben den Ball gefangen. Einen weichen Ball, in den sie hineingreifen kann, den sie knautschen kann, der sich an sie schmiegt, noch nie hat sie etwas so Gutes angefasst. Ein leuchtender Ball im goldenen Sonnenschein.
Iris Keller, geboren 1988, wuchs in Ulm auf und lebt in Arlesheim BL. Nach dem Studium in Europa-Studien und Kulturwissenschaften entdeckte sie das Figurentheater. Heute arbeitet sie als Regisseurin, Autorin und Performerin in der freien Theaterszene und leitet Kulturvermittlungsprojekte. Iris Keller nahm 2025 an der IBK-Künstler:innenbegegnung teil.
