LICHT
No. 53 | 2026/1Das «Obacht Kultur» N° 53, 2026/1 pendelt zwischen Hell und Dunkel.
Auftritt: Reinhard Tobler;
Bildbogen: Nora Rekade, Martin Benz;
Texte: Dominik Tschirky, Iris Keller, Matthias Bürcher u.v.m.
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Thema
DIE GOLDENE MITTE DES LICHTSPEKTRUMS
von Mirjana Vidakovic, Ärztin X Julia Tanner, Restauratorin
Über achtzig Prozent der Patientinnen und Patienten von Mirjana Vidakovic haben einen Vitamin-D-Mangel. Die Chefärztin und Klinikleiterin des Psychiatrischen Zentrums Herisau verschreibt ihnen Vitamin D deshalb als notwendige Zusatzmedikation. Es ist wesentlich für viele Körperfunktionen und entsteht durch eine Synthese im Körper, aber nur dann, wenn der Mensch genügend Licht ausgesetzt ist. «Es braucht dafür nicht unbedingt direktes Sonnenlicht.» Auch die saisonale oder Winterdepression lässt sich mit zu wenig Licht erklären. «Tageslicht fördert die Produktion der Glückshormone Serotonin, Dopamin und Endorphin.» Diese Hormone haben alle eine stimmungsaufhellende Wirkung, das Endorphin zusätzlich eine schmerzstillende. Bei saisonalen Formen der Depression ist die Lichttherapie die Behandlung erster Wahl: «Das kann jeder auch zu Hause machen» – mit einer Tageslichtlampe. «Lichtmangel hat eine psychologische und eine technische Dimension»: Wichtigster technischer Faktor ist die Lichtdynamik im Verlaufe des Tages, denn das Tageslicht bewirkt die Bildung von Melatonin, das den Schlaf-Wach-Rhythmus in Balance hält. «In der Restaurierung ist das Licht Freund und Feind», sagt Julia Tanner. Derzeit restauriert sie im Innern des Jagdpavillons in Lutzenberg Fresken mit Darstellungen der Schlachten am Stoss und auf der Vögelinsegg (siehe Obacht Nr. 39, S. 54 und Nr. 51, S. 43). Ihre Objekte leuchtet sie mit genormten Tageslichtlampen aus, denn es braucht viel Licht, damit alle Details sichtbar werden. Auch Röntgenstrahlen spielen bei der Analyse eine Rolle. Sie ermöglichen es, ein Objekt zerstörungsfrei zu untersuchen. Ein Detektor oder Film hinter dem Objekt – zum Beispiel einem Papier, einer Leinwand oder auch einem massiven Bildträger wie einer Mauer – registriert die durchdringende Strahlung und erzeugt ein Röntgenbild. Julia Tanner, die ihre Tätigkeit nicht als Künstlerin, sondern materialwissenschaftlich und physikalisch angeht, erklärt, dass Licht eine elektromagnetische Strahlung ist, eine Frequenz, mit der sich Photonen in unterschiedlicher Stärke bewegen. «Das Sonnenlicht ist Licht in seinem ganzen Spektrum. Der Mensch kann jedoch nur einen kleinen Teil des gesamten elektromagnetischen Spektrums wahrnehmen, nämlich die goldene Mitte». Feind für das Kulturgut – insbesondere für organisches Material – ist bereits Tageslicht: «Für viele Objekte sind UV-Strahlen und Hitze extrem schädlich.» Im musealen Betrieb ist deshalb das Thema, wie sich das Licht filtern lässt, omnipräsent. Wenn zum Beispiel Reliquien ausgestellt werden, wie aktuell in der Kartause Ittingen, ist der Ausstellungsraum stockdunkel, nur die Objekte sind mit niederfrequenten Lichtstrahlen beleuchtet. Gibt es aus Sicht der Psychiatrie auch eine Überdosis Licht? «Im Sommer, wenn es dreissig Grad warm ist und die Sonne lange scheint, werden bei manchen Menschen zu viele Glückshormone produziert.» Mirjana Vidakovic erzählt, dass in dieser Jahreszeit manche Patientinnen und Patienten, die an einer bipolaren Störung leiden, nicht selten in die manische Phase kommen: «Eine Manie äussert sich zum Bei spiel darin, dass jemand zu viel Energie hat, kaum schläft, mehreren Beschäftigungen ohne richtige Sinnhaftigkeit nachgeht, viel Geld aus gibt oder sich sexuell auslebt». Ein Mensch in einer manischen Phase ist jedoch nicht urteilsfähig und kann die Folgen seines Tuns nicht abschätzen. «Ich ziehe daraus die Erkenntnis, dass der Mensch das Licht der goldenen Mitte braucht, um gesund zu sein.» Die beiden Frauen finden im Gespräch viele Gemeinsamkeiten: «Genauso wie wir bei Objekten aufpassen oder Diagnostik machen müssen, müssen wir bei den Menschen aufpassen», so Mirjana Vidakovic. Und genauso, wie psychisch Erkrankte in schlechtem Zu 43 THEMA stand in die Klinik kommen, sind Julia Tanners Objekte in desolatem Zustand. Manchmal braucht es erste Sicherungsmassnahmen und oft bloss Minimaleingriffe, um den ursprünglichen Zustand zu erreichen: «Das Ziel ist es, sie zurückzuführen zu einem besseren Selbst. Wir stellen beide etwas instand. In der Psychiatrie ist es der Mensch, in der Restaurierung das Objekt.» – Und immer mit der idealen Portion Licht.
Mirjana Vidakovic ist 1970 geboren, in Kroatien aufgewachsen und lebt in Herisau. 1995 kam sie nach Deutschland und erwarb dort ihren Facharzttitel. Sie ist Chefärztin und Klinikleiterin des Psychiatrischen Zentrums Herisau und u. a. Präsidentin des Appenzellischen Hilfsvereins für psychisch Kranke.
Julia Tanner ist 1986 geboren, in Deutschland aufgewachsen und lebt in Kradolf TG. Ausgebildet als Zeichnerin und Gestalterin wandte sie sich zunächst der Produktentwicklung zu. Über ihren Vater, einen Restaurator, fand sie ihre Berufung. Seit 2019 ist sie selbständige Restauratorin.
