PORTRÄTS
No. 52 | 2025/2Das «Obacht Kultur» N° 52, 2025/2 rahmt ein.
Auftritt: Wassili Widmer;
Bildbogen: Luisa Zürcher, Thomas Stüssi;
Texte: Zucker 3000, Aaron Estermann, Jelena Delic-Müller u.v.m.
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Zürcher Ahnengalerie: Vergangenheit und Zukunft
von Kristin Schmidt
Der Kanton Zürich zeigt im Verwaltungsgebäude am Walcheplatz 61 Porträts ehemaliger Regierungspräsidentinnen und -präsidenten und der bisherigen Zürcher Mitglieder des Bundesrates. Jelena Delic-Müller (JD), Leiterin Bildende Kunst in der Fachstelle Kultur des Kantons Zürich, berichtet im Interview mit Kristin Schmidt (KS) über die Herausforderung einer solchen Gemäldesammlung.
KS Wann wurde mit der Sammlung begonnen?
JD Der Anlass war das Legat eines Zürcher Kaufmannes: Heinrich Wilhelm Schelldorfer legte fest, sein finanzielles Vermächtnis solle gemeinnützigen Zwecken zugutekommen, die nicht bereits Teil der kantonalen Aufgabengebiete sind. Nach seinem Tod 1919 wurden mit den finanziellen Mitteln die bildenden Künste unterstützt: entweder durch den Ankauf von Werken oder mit der Vergabe von Aufträgen. Ab circa 1930 verwendeten die Verantwortlichen die Gelder für die Porträtserie, ganz nach damaligem Gutdünken im einheitlichen Format von 100 auf 81 Zentimeter. Nach knapp hundert Jahren ist ein Ensemble entstanden, dem wir einen grossen künstlerischen Wert beimessen, weil jedes einzelne Werk viel aussagt über die Zeit, in der es entstanden ist.
KS Wie ist das Vorgehen bis zum fertigen Gemälde?
JD Auf der einen Seite führen wir eine Liste von Künstlerinnen und Künstlern aus dem Kanton Zürich, die das Handwerk der klassischen Ölmalerei pflegen. Es gibt wenige, die sich ausschliesslich auf Porträts spezialisiert haben. Dafür ist die Spannbreite der Möglichkeiten gross: von klassisch oder fotorealistisch bis hin zu Bildern in einem expressiveren Stil. Nach der Wahl einer neuen Regierungspräsidentin bzw. eines neuen Regierungspräsidenten oder eines neuen Zürcher Mitglieds des Bundesrates stelle ich den Frischgewählten einige ausgewählte Dossiers von Kunstschaffenden vor. Ich spreche mit ihnen darüber, welche künstlerische Handschrift ihnen gefällt und wie sie dargestellt werden möchten. In jedem Fall organisiere ich ein Treffen zwischen Künstlerin oder Künstler und der zu porträtierenden Person, denn Sympathie und gegenseitiges Interesse sind Bausteine für ein gelungenes Porträt.
KS Wie wird der Unterhalt der Sammlung gewährleistet?
JD Das Legat ist seit 2008 aufgebraucht. Seither werden die Kosten von rund 20000 Franken für ein neues Porträt aus dem Budget der Fachstelle Kultur gedeckt. Die Erstellung der Porträts für die «Ahnengalerie» betrachten wir als ein zusätzliches Förderinstrument für die Kunstschaffenden. Der konservatorische Unterhalt der «Ahnengalerie» hingegen gehört in die Kompetenz der kantonalen Kunstsammlung im Hochbauamt der Baudirektion.
KS Besteht der Wunsch, die Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen?
JD Für uns ist der öffentliche Zugang der Kunstsammlung ein grosses Anliegen, schliesslich soll die Bevölkerung an der Kultur teilhaben können. Allerdings hängt die «Ahnengalerie» in einem Sitzungszimmer der Verwaltung. Sie ist zwar sehr gut im Internet dokumentiert, aber genügt das wirklich? Deshalb – und weil in der Reihe nur noch Platz für zwei bis drei Bilder ist – fragen wir uns, wie wir künftig mit der räumlichen Situation umgehen. Zudem sind die Vorgaben sehr strikt, und es gibt immer weniger Kunstschaffende, die sich mit diesen strengen Vorgaben wohl fühlen. Die zweite Frage ist zudem: Ist das noch zeitgemäss und welche Alternativen gibt es? Wir werden über die Möglichkeiten offen weiterdenken.
Kristin Schmidt (KS) im Gespräch mit Jelena Delic-Müller (JD).
