Ausgabe

PORTRÄTS

No. 52 | 2025/2

Das «Obacht Kultur» N° 52, 2025/2 rahmt ein.

Auftritt: Wassili Widmer;
Bildbogen: Luisa Zürcher, Thomas Stüssi;
Texte: Zucker 3000, Aaron Estermann, Jelena Delic-Müller u.v.m.

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Thema

Gerichtszeichnerin Harlis Schweizer Hadjidj

von Ursula Badrutt

Sie sehe sich nicht als besonders gute Porträtzeichnerin, gesteht Harlis Schweizer Hadjidj, die Malerin mit grosser Neugierde gegenüber Menschen und Situationen, gleich zu Beginn unserer Begegnung. Als diesen Sommer die Anfrage der Zeitungsredaktion für die Begleitung eines Prozesses als Gerichtszeichnerin kam, habe sie allerdings ohne zu zögern zugesagt. Als Vorbereitung begann sie, vermehrt auf die Darstellung von Personen zu achten. «Ich zeichnete alle meine Schülerinnen und Schüler, schaute mir Bücher über die Kunst des Porträtierens an», auch jenes zur Porträtmalerei von Jim Dine, «Last Year’s Forgotten Harvest» mit physiognomisch meisterhaften Menschenbildnissen des als Popart-Künstler bekannten Amerikaners mit Atelier im Sitterwerk St.Gallen. Bislang hatte Harlis Schweizer Hadjidj wiederholt die eigenen Familienmitglieder porträtiert, Birgit Widmer und ihre beiden Kinder Hamza und Lyna, meist schlafend, wenn sie sich wenig bewegten. Oder fremde Personen im Zug. 2021 dann die Projektserie «Passage – Man sieht sich auf der Strasse»: Das Zeichnen von passierenden Personen mitten im Dorf Bühler wurde während der Corona-Zeit zu einer Art sozialem Event, wo Begegnung und Austausch trotz Covid-Massnahmen möglich wurden. Oder 2022 im «Hiltibold» in St.Gallen: Die Künstlerin nutzte die Einladung zu einer Werkpräsentation im Kunstschaufenster an der Goliathgasse, um während zweier Tage Vorbeigehende und Stehenbleibende auf einem Blatt Papier auf einem kleinen Tischchen im Mauerbogen festzuhalten. Während der Dauer der Ausstellung hingen die Zeichnungen an der Fensterscheibe der Nische. Mit solchen Aktionen setzt sich die in Bühler lebende Künstlerin nicht nur Wind und Wetter, sondern auch Gesprächen aus. Die dabei entstehenden Dialoge, die ihr die Menschen mit ihren Schicksalen und Lebenswegen, seien es Sexarbeiterinnen aus Rumänien, die Pfarrerin aus dem Dorf oder eine Bibliothekarin, näherbringen, interessieren sie. Zunehmend rücken ihr forschender Blick gegenüber der Welt und ein partizipatives Vorgehen in den Vordergrund. Die Autorin und Redaktionsleiterin Julia Nehmiz, die über die Performance beim «Hiltibold» in der Appenzeller Zeitung berichtete, hat sie dann auch für die Aufgabe als Gerichtszeichnerin angefragt. Das sei schon eine Herausforderung gewesen, erinnert sich Harlis Schweizer Hadjidj. Infolge des Film- und Fotografierverbots für Medien in Gerichtssälen ist Zeichnen die alternative visuelle Darstellungsmöglichkeit. Für die vier Prozesstage im Gerichtssaal in Trogen zum Strafverfahren gegenüber jener Frau, die zahlreiche Stiftungen, soziale Institutionen und Einzelpersonen betrogen haben soll, positionierte sich die Zeichnerin eher in den hinteren Reihen auf der Seite. Bereits im Vorzimmer konzentrierte sie sich darauf, die Stimmung aufzunehmen, wobei sie die Personen in ihren Rollen vorurteilslos akzeptierte. «Ich konnte ohne entsprechende Informationen weder Angeklagte noch Anklagende, weder Richter noch Publikum zuordnen.» Es gehe ihr nicht darum, spezifische Gesichtszüge festzuhalten, sondern um die Komposition der Personen im Saal, um die Verbindungen und Beziehungen untereinander, die sich über Haltungen, Bewegungen, feine Details in der Körpersprache ausdrücken. Darin zeigten sich auch die Emotionen und das Atmosphärische. Die respektvolle Art des Richters habe ihr imponiert. Das Auftreten der Angeklagten in seiner Ambivalenz beschäftigte sie noch lange. Sie versuchte, den Rhythmus der Verhandlungen aufzunehmen. Jeweils auf 17 Uhr musste sie die Blätter der Redaktion abgeben. Zeichnen auf Zeit. Und für die Ewigkeit der Archive.

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