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WIEDER UND WEITER

No. 48 | 2024/1

Im «Obacht Kultur» N° 48, 2024/1 dreht sich alles im Kreis.

Auftritt: Kappenthuler/Federer;
Bildbogen: Rolf Graf; Fridolin Schoch
Texte: Simon Froehling, Monika Jagfeld, Esther Roth u.v.m.

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Gedächtnis

Farbspritzer und Fussabdrücke

von David Glanzmann

Der Begriff «Energie» kann als zentrales Element dienen, denn Kunst und Kultur basieren stets auf Energie, Interaktion und Transformation: Die Beschaffenheiten der Welt werden durch Kunst und Kultur verarbeitet, transformiert und interpretiert. In diesen Prozessen fliesst Energie nicht nur in die Arbeit, sondern wird auch freigesetzt.

Ausstellungen verbrauchen traditionell auch Material und produzieren Abfall. Im Vergleich mag dies geringfügig erscheinen, doch solche Vergleiche führen nicht weiter. Die Macht von Kunst und vom Kulturbetrieb könnte gerade darin liegen, Aufmerksamkeit zu erregen, Verbindungen zu schaffen und Energien für Reflexion und Handeln freizusetzen. Die Kreislaufwirtschaft gewinnt auch hier zunehmend an Bedeutung, mit Strategien wie modularen und wiederverwendbaren Szenografien oder wiederverwerteten Materialien. In kleineren Museen erfolgt diese fast auf natürliche Weise, da sie rein aus monetären Gründen darauf bedacht sind, alle Ressourcen möglichst optimal einzusetzen. Doch auch bei grösseren Institutionen wie dem Schweizerischen Nationalmuseum hat sich dies seit ein paar Jahren etabliert. Es hat räumliche Elemente kreiert, die wie ein Baukasten genutzt und wiederverwendet werden können. Damit schaffen sie es, von Ausstellung zu Ausstellung optisch andere Räume zu kreieren und dennoch ressourcenschonend zu arbeiten.

Als ein anderes Beispiel kann die Ausstellung «Applied Utopia» des Kollektivs NCCFN 2023 im Zeughaus Teufen beigezogen werden. Die rund zwanzig internationalen Kulturschaffenden behandelten die globalen Zusammenhänge, Produktionsprozesse und Kreislaufwirtschaft. Illustriert am Beispiel der Textil- und Modebranche setzten sie die Besuchenden mit ihrer Überforderung in die Grauzone. Interessant ist dabei nicht nur das Gefühl und die Gedanken, die Handlungsaufforderungen und gleichzeitig eben Überforderungen, die mensch angesichts der kunstvoll und kreativ aufbereiteten Themenkomplexe umgeben. Es sind auch die Gedanken, die hinter dem Ausstellungskonzept stehen. Wie zeigen Museen diesen Verbindungen zwischen Konsumwahn, Herstellungsprozessen, Konzernen und dem Individuum, ohne ersterem selbst zu verfallen? Im Mittelpunkt stand dabei ein Paar Plastiksandalen. Eine unbekannte Hand hat Luxusmarken imitiert und deren Logos neu zusammengesetzt darauf gezeichnet. Ein Fund des Kollektivs auf einem Markt in Kairo. Was diese Sandalen aussagen, ist bereits die ganze Geschichte – eine Kette an Zusammenhängen, gesellschaftlichen Einflüssen, Auswirkungen globaler Ungerechtigkeit, Hoffnung, Kreativität, unzähliger kleiner und grosser Entscheidungen, Handlungsschritte und Hände, durch die dieses Paar Schuhe bereits gegangen waren, bis sie schliesslich in Teufen in einer Ausstellung landeten. Es stand zu Beginn – und im Prozess immer wieder – die Diskussion im Raum, sogar nur dieses eine Paar Sandalen zu zeigen.

Nachhaltigkeit in Ausstellungen geht jedoch darüber hinaus, bloss Materialverbrauch zu reduzieren. Es betrifft auch die Energie, die in Kunst und Kultur fliesst – sei es die Energie, die wir als Betrachtende von Kunstwerken empfinden, oder die Energie, die Künstler, Kuratorinnen und viele weitere Beteiligte in die Gestaltung von Ausstellungen stecken. Kunst ist Transformation, Anregung und Verbrauch von Energie. Deshalb ist es wichtig, auch in Ausstellungen nachhaltig damit umzugehen. «Ästhetik ohne Nachhaltigkeit wirkt leer, während Nachhaltigkeit ohne ästhetische Dimension blind ist», formuliert es die Architektin Sonja Beeck treffend. Genau darin besteht die Aufgabe der Museen: Sie müssen nicht nur Energien freisetzen, sondern die nötigen Verbindungen schaffen.

David Glanzmann, geboren 1990, ist Kommunikationsdesigner und Wirtschaftswissenschaftler und seit 2023 Co-Leiter des Zeughaus Teufen.

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