Ausgabe

WIEDER UND WEITER

No. 48 | 2024/1

Im «Obacht Kultur» N° 48, 2024/1 dreht sich alles im Kreis.

Auftritt: Kappenthuler/Federer;
Bildbogen: Rolf Graf; Fridolin Schoch
Texte: Simon Froehling, Monika Jagfeld, Esther Roth u.v.m.

Online blättern
Ausgabe bestellen

Thema

Übersehenes in neues Licht setzen

von Bettina Schneider Weder, Maria Tackmann und Kristin Schmidt

Was werfen wir weg? Was heben wir auf? Der Umgang mit übriggebliebenen, ausgeschiedenen, nicht mehr benötigten Dingen ist Teil gesellschaftlicher Normen und Möglichkeiten. Aber er ist nicht unveränderlich. Der Blick auf Reste und Abfälle lässt sich schärfen, neue Wertmassstäbe entstehen. Am besten bereits im Kindesalter. Bettina Schneider Weder aus Stein ist Theaterpädagogin und hat auf Anregung der Kulturagentin Jelena Moser mit einer Primarschulklasse den Recyclinghof in Gais erforscht: «Mit den Kindern haben wir untersucht, wie Dinge tönen, die weggeworfen wurden. Wir haben die Schönheit von Rost angesehen. Wir haben die Gerüche analysiert: Was empfinden wir als angenehm und was nicht? Es geht bei dieser Arbeit um eine andere Art von Aufmerksamkeit.» Inhaltlicher Ausgangspunkt waren «Die Olchies» von Kinderbuchautor Erhard Dietl: «Sie leben auf dem Müll und finden gut, was wir eklig finden. Dank dieser Figuren konnten wir Verschiebungen üben und Prägungen hinterfragen: Riecht beispielsweise ein Flaschencontainer wirklich eklig? Es geht darum, Glaubenssätze zu hinterfragen. Wie konform muss die Gesellschaft sein?» Diese Arbeit wirkt weit übers momentane Tun hinaus: «Die Beschäftigung mit einem Thema ist für mich nachhaltig, wenn durch ästhetische Erfahrungen Wissen entsteht und Lernprozesse beginnen.» Das gilt auch für das Publikum und wirkt in den kleinen, oft unbeachteten Dingen: «Meine Arbeit ist nah an dem, was besteht. Ich versuche, Alltägliches performativ umzusetzen.» Die Ästhetik des Alltäglichen, des Übersehenen oder Liegengebliebenen ist auch für Maria Tackmann zentral. Die Künstlerin lebt seit drei Jahren in Wald, ist jedoch mit ihrer künstlerischen Arbeit nicht ans heimische Atelier gebunden: «Ich arbeite stets vor Ort mit dem, was mich umgibt. Ziehe ich weiter, lasse ich gefundene Dinge zurück.» Nicht immer ist es leicht, etwas gehen zu lassen, auch für Maria Tackmann: «Ich bin viel unterwegs. Dinge anzuhäufen widerspricht dem. Jedoch kann es schwierig sein loszulassen, wenn Arbeit in etwas steckt. Ich versuche, diese Ambivalenz in Ausstellungen zu thematisieren. Ausser­ dem kann man loslassen üben.» Zumal die Künstlerin darauf vertrauen kann, dass es überall Arbeitsmaterial gibt: «Ich reise oft mit Nichts an. Das ist einerseits aufregend, andererseits habe ich immer die Gewissheit, etwas zu finden. Das ist sogar in Monaco gelungen.» Maria Tackmann hat dort mit Studierenden gearbeitet und war durch­ aus skeptisch, was sich in dem herausgeputzten Kleinstaat überhaupt anbietet. Aber selbst dort bleiben Sachen liegen: «Es war erstaunlich, welch individuelle Sammlungen zusammengetragen wurden.» So eine Sammlung kann ein Ausgangspunkt sein, um persönliche Prozesse anzuregen: «Es geht darum zu sichten, zu schauen, zu entscheiden, was mit dem Gefundenen passieren kann.» Bei der Arbeit mit Kindern ist das nicht anders: «Aktuell arbeite ich in Wald im Rahmen eines Freizeitkurses von «Krakreativ» mit zehn Kindern. Auf unse­ren Streifzügen finden die einen Blätter, Zweige oder Blüten, die anderen finden Müll.» Die Künstlerin greift in diese Sammlungen nicht ein: «Die Kinder beschäftigen sich selbst mit ihrer Sammlung. Sie dürfen sich von ihrem Blick lenken lassen und auswählen. Aus allem kann etwas entstehen. Auch aus Glasscherben oder Zigarettenstummeln.» Wichtig sei zweierlei: Es wird nicht gewertet und der Blick sollte offen bleiben.

zurück