Ausgabe

WIEDER UND WEITER

No. 48 | 2024/1

Im «Obacht Kultur» N° 48, 2024/1 dreht sich alles im Kreis.

Auftritt: Kappenthuler/Federer;
Bildbogen: Rolf Graf; Fridolin Schoch
Texte: Simon Froehling, Monika Jagfeld, Esther Roth u.v.m.

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Thema

Weiterverwenden fürs Wohlbefinden

von Paul Knill und Ursula Badrutt

Zur Begrüssung begutachten wir unsere Ellenbogen. Die Abnützungen am Strickpullover bei Paul Knill sind in alter Manier mit Maschenstichen in mehreren Lagen ge­ flickt und gestärkt. Meinerseits habe ich Stoffblätze auf die löchrigen Stellen genäht. 1:0 für Paul Knill. Als eine seiner Mieterinnen im gut 250­jährigen Haus weiss ich um seine Überzeugung, wenn es ums Reparieren etwa von Wasch­ und Spülmaschinen geht. Zudem hat mein Fiat Panda dank Paul Knill die kurze Lebensprognose des Garagisten schon um ein Jahrzehnt überlebt.
«Flicken ist mir selbstverständlich, das Weiterverwenden von Bauteilen praktiziere ich, seit ich meine Tätigkeit ausübe», kommentiert der Architekt. Ein Rundum­Blick im Besprechungszimmer bestätigt dies: Die Tischplatte aus dem von ihm umgebauten Trauzimmer in Herisau, die schönen Freischwinger­Stühle aus dem Schuhladen im Haus, zwei Corbusier­Sessel aus dem Sperrmüll, orange Occasions­USM­Möbel: sorgfältige Auslese aus Gebrauchtem.
Für einen Hühnerstall in Herisau funktionierte er alte Fenster aus einer anderen Liegenschaft zur Türe um. Beim Umbau des «Schwanen» in Gais vor zwanzig Jahren schwebte die weiterverwendete Dachkonstruktion wie eine Toblerone in der Luft, bis vorfabrizierte Elemente in Holz für zwei Wohnungen darunter eingebaut wurden.
Doch dann: «Der Re­Use­ und Nachhaltigkeitshype geht mir auch auf die Nerven.» Denn jedem Re­Use gehe eine Abbruchhandlung voraus. Neubauten mit dem Fokus auf Wiederverwendbarkeit seien auf eine so kurze Lebensdauer ausgelegt, dass es sich nicht zu lohnen scheint, sie sorgfältig zu gestalten. «Die Zyklen der so praktizierten Kreislaufwirtschaft sind auch mehrfach aneinandergereiht kürzer, als wenn ein Gebäude traditioneller Bauart stehen bleiben kann.»
Was ist es denn, das Paul Knill am Reparieren, Restaurieren, Transplantieren, Flicken so mag? Was treibt ihn an? «Wiederverwendete oder vor Ort erhaltene Materialien und Bauteile verleihen Gebäuden und Räumen Vertrautheit.» Oft bemerke man es gar nicht, aber fürs Wohlbefinden sei dies ein wichtiger Aspekt. So zu bauen, dass es auch gestalterisch nach vierzig, fünfzig Jahren noch zu bestehen vermöge, sei eine gewichtige Form von Nachhaltigkeit, brauche Zurückhaltung, Durchhaltevermögen, Überzeugungskraft. «Aber es macht Freude. Mir, den Nutzerinnen und Nutzern und nicht zuletzt dem Umfeld.»

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